May 31, 2007

Todeserwarten

für meine Oma

Mit angstvoller Frage aus Knochen und Haut,
so schaust Du mich an:
Wann ist es soweit?
Wann ist es soweit?

Die schmalen Hände zerwühlen die Decken,
seit vierhundert Tagen:
Doch was ist die Zeit?
Warum diese Zeit?

Ein hellblaues Lächeln in hastloser Stunde,
die Rechteckenfläche,
Die Schatten im Zimmer,
Du kennst sie zu gut.

Die Wartezeit, schlägt sie Dir Wunden ins Leben?
Erinnern verletzend:
Ward alles getan?
Wann fehlte der Mut?

Der Kreisel des Lebens zerfällt in Spiralen
Aus Stunden und Jahren,
Aus Tagen und Nächten...
Ist es früh oder spät?

Ich halt´ Deine Hände, wir werden uns wärmen,
Die Ängste vertreiben,
Bis das Diesseits verblasst,
Und Du jenseits erwachst.

******

Alice McDuff ~ 31. Mai 2007

May 13, 2007

Mascha Kaléko ~ Die paar leuchtenden Jahre























Bericht aus einer Kindheit

Weil er die Geige spielte wie ein Engel,
Vorausgesetzt, dass Engel Geige spielen,
Gehörte ihm mein halb erwachtes Herz
Mit seinen höchst verwirrenden Gefühlen,

Vom Reich der Kindheit offiziell verbannt,
Das Tor zur Welt der Großen noch versperrt,
So schwebte ich in meinem Niemandsland
Und lebte für ein Violinkonzert.

Da saß ich denn in der Philharmonie
Und schämte mich der dummen fünfzehn Jahre.
Das Schottenröckchen reichte kaum ans Knie,
Und auf dem Podium stand der Wunderbare

Und musizierte sich stracks in mein Leben,
Trug seinen Namen in mein Schicksal ein.
Mama in schwarzem Taft saß dicht daneben
Und ahnte nichts. Und ich war so allein.

So einsam war die Welt in jenem Herbst.
Die Ahornbäume sandten ihren herben
Oktoberduft zum Abschied in den Park.
Ich lernte damals unauffällig sterben.

************

Ich schreib Dir einen Liebesbrief



Du gefällst mir so gut,
Doch ich hab nicht den Mut,
Dir das leiseste Wörtchen zu sagen.
Ich werd schüchtern und rot

Und ich stottre mich tot,
Darum muß ich´s per Post einmal wagen:

Ich schreib Dir einen Liebesbrief seit heute früh um acht,
Ich hab die ganze Nacht
An nichts als Dich gedacht.
Ich schrieb Dir gern drei Worte nur:
"Ich lieb Dich" - kurz und schlicht,
Dich leider, leider, traue ich mich nicht!
Drum schreib ich Dir von Dingen und von Leuten,
Die mir im Grunde keinen Deut bedeuten.
Was immer auch geschrieben steht auf diesem Stück Papier -
Es heißt nur eins: Ich sehne mich nach Dir!

Ich war häßlich zu Dir,
Du warst gräßlich zu mir,
Doch da hilft nun kein Jammern und Stöhnen,
Überall gibt´s mal Krach,
Doch der Klügere gibt nach,
Und wir wollen uns wieder versöhnen:

Ich schreib Dir einen Liebesbrief seit heute früh um acht,
Ich hab die ganze Nacht
An nichts als Dich gedacht.
Ich schrieb Dir gern drei Worte nur:
"Ich lieb Dich" - kurz und schlicht,
Doch leider, leider, traue ich mich nicht!
Drum schreib ich Dir von Dingen und von Leuten,
Die mir im Grunde keinen Deut bedeuten.
Was immer auch geschrieben steht auf diesem Stück Papier -
Es heißt nur eins: Ich sehne mich nach Dir!

*************

Für Chemjo zu Pessach 1944

Wir haben das Schweben verlernt,
Weh uns, wir kleben am Weg.
Vom Leuchten der Sterne entfernt,
Die Flügel gesenkt und träg,
So trotten die Füße ergeben.
Ach, Liebster, bevor es zu spät,
Versuchen wir´s, uns zu erheben.

*************

Morgenländisches Liebeslied

Drei Tropfen Herzblut weinte ich um Dich.
Von ihrer Röte tranken alle Rosen.
Siehst Du den Wind ein Rosenblatt liebkosen,
Rot wie mein Blut: Denke Du an mich.

Ich war das Kind, dem alle Wolken sangen,
Sie wiegten sich in meinem jungen Traum.
Mein waren Stern und See und lichter Baum
In Waldesfrühe schlank und taubehangen.

Nachts bot der Mond mir seinen Silberball,
Die Blumen baten: Nimm von unseren Düften.
Mir wob der Frühling Träume aus Kristall
Und hängte mir sein Blühen um die Hüften.

- Das alles warf ich fort, wie Kinder tun
Mit ihren müdgespielten Kieselsteinen,
Um einen Pulsschlag in Dir auszuruh´n
Und dann mein letztes Herzblut zu verweinen.

1938

***************



Sprichwörter und Redensunarten....

12

Eines läßt sich nicht bestreiten:
Jede Sache hat zwei Seiten.
- Die der andern, das ist eine,
Und die richtige Seite: Deine.

****************

Das Ende vom Lied

Ich säh Dich gern noch einmal wie vor Jahren
Zum erstenmal. Jetzt kann ich es nicht mehr.
Ich säh Dich gern noch einmal wie vorher,
Als wir uns herrlich fremd und sonst nichts waren.

Ich hört Dich gern noch einmal wieder fragen,
Wie jung ich sei, was ich des Abends tu.
Und später dann im kaum gebornen Du
Mir jene tausend Worte Liebe sagen.

Ich würde mich so gerne wieder sehnen,
Dich lange ansehn stumm und so verliebt.
Und wieder weinen, wenn Du mich betrübt,
Die viel zu oft geweinten dummen Tränen.

Das alles ist vorbei. Es ist zum Lachen!
Bist Du ein andrer, oder liegt´s an mir?
Vielleicht kann keiner von uns zwein dafür.
Man glaubt oft nicht, was ein paar Jahre machen.

Ich möchte wieder Deine Briefe lesen,
Die Worte, die man liebend nur versteht.
Jedoch mir scheint, heut ist es schon zu spät.
Wie unbarmherzig ist das Wort: Gewesen!

********************

Die Zeit steht still

Die Zeit steht still. Wir sind es, die vergehen.
Und doch, wenn wir im Zug vorüberwehen,
Scheint Haus und Feld und Herden, die das grasen,
Wie ein Phantom an uns vorbeizurasen.
Da winkt uns wer und schwindet wie im Traum,
Mit Haus und Feld, Laternenpfahl und Baum.

So weht wohl auch die Landschaft unseres Lebens
An uns vorbei zu einem andren Stern
Und ist im Nahekommen uns schon fern.
Sie anzuhalten suchen wir vergebens
Und wissen wohl, dies alles ist nur Trug.

Die Landschaft bleibt, indessen unser Zug
Zurücklegt die ihm zugemeßnen Meilen.

Die Zeit steht still. Wir sind es, die enteilen.

**********************



Ich und Du wir waren ein Paar
Jeder ein seliger Singular
Liebten einander als Ich und als Du
Jeglicher Morgen ein Rendezvous
Ich und Du wir waren ein Paar
Glaubt man es wohl an die vierzig Jahr
Liebten einander in Wohl und Wehe
Führten die einzig mögliche Ehe
Waren so selig wie Wolke und Wind
Weil zwei Singulare kein Plural sind

***************

Alle Gedichte von Mascha Kaléka, aus: Die paar leuchtenden Jahre, dtv 5. Auflage August 2006

Mascha Kaléko (gebürtig Golda Malka Aufen, * 7. Juni 1907 in Krenau oder Schidlow (Chrzanów), Galizien (Österreich-Ungarn, jetzt Polen); † 21. Januar 1975 in Zürich) war eine deutschsprachige bzw. deutsche, eigentlich österreichische Dichterin.


Mehr von und über Mascha Kaléko:
http://dispatch.opac.d-nb.de/DB=4.1/REL?PPN=118776592
http://de.wikipedia.org/wiki/Mascha_Kaléko

Hotel Room ~ paupixel



"Behold me, (...),-see what I suffer, and from whom, because I feared to cast away the fear of Heaven!
Behold me what I suffer and from whom,
Because I have upheld that which is high."
Sophokles ~ Antigone
Foto: paupixel

Bevor die Nacht vergeht

Des Nachts, mit zärtlichem Wispern,
entflammt Hitze an meiner Haut,
befreite Gedanken, ein Knistern,
Verlangen nach Dir wird laut.

Deine Hände auf meinem Leib,
erfahren und ruhig, doch bestimmt.
Was suchst Du? Das lockende Weib?
Den Engel mit Haaren im Wind?

Nun kann ich es nicht mehr erwarten,
umschling´ Dich mit forderndem Kuss,
Deine Härte nimmt mir den Atem,
Deine Lust ist mein größter Genuss.

Ich erwidre Dein Kommen und Gehen,
meine Seele verstrickt sich mit Dir,
ich höre mich stöhnen und flehen,
dann verlierst auch Du Dich in mir.

Leiser rufe ich Deinen Namen
war ich träumend, oder erwacht?
Wilde Lichter tanzen und fahren
und langsam vergeht die Nacht.

**********

Alice McDuff ~ 9. Mai 2007


May 11, 2007

Cropped Clapping ~ Ed Wenn


Photo by Ed Wenn

Damn you soothsayers of no avail ~ Bengt Bjorklund

Damn you soothsayers of no avail
who pry on my dignity
and leave me with no trail,
who hawk my words
on markets and swift courts
where gossip and dead birds
refuse to fall to silent ground.

Damn you do-gooders and all you
who prance through moonless nights,
who believe that angels can’t fall
from the face of smugness and heights,
never daring to charge the old father
with history’s altar-dead body pile
and all mislead, murky molestations.

*********************

a poem by Bengt Bjorklund (cornbob), a painter and a poet from Stockholm and one of my favourite *poetic fellows* at Poetry Junction´s. Many many thanks Bengt, for allowing me to use this great write here on my Wonderland:-)

For more by Bengt, look here: www.andrasidan.nu and here: http://poetryjunction.proboards19.com/index.cgi?action=viewprofile&user=cornbob

May 10, 2007

Found


Photo: Johnny Foto

Les feuilles mortes ~ Jacques Prévert

Oh! je voudrais tant que tu te souviennes
des jours heureux où nous étions amis.
En ce temps-là la vie était plus belle
et le soleil plus brûlant qu´aujourd´hui.
Les feuilles mortes se ramassent à la pelle.
Tu vois, je n´ai pas oublié ...
Les feuilles mortes se ramassent à la pelle
les souvenirs et les regrets aussi.
Et le vent du Nord les emporte dans la nuit froide de l´oubli.
Tu vois, je n´ai pas oublié la chansons que tu me chantais.

C´est une chanson qui nous ressemble.
Toi tu m´aimais et je t´aimais.
Nous vivions tous les deux ensemble
toi qui m´aimais
moi qui t´aimais.
Mais la vie sépare
ceux qui s´aiment
tout doucement
sans faire de bruit.
Et la mer efface sur le sable
les pas des amants désunis.

Les feuilles mortes se ramassent à la pelle
les souvenirs et les regrets aussi.
Mais mon amour silencieux et fidèle
sourit toujours et remercie la vie.
Je t´aimais tant, tu étais si jolie.
Comment veux-tu que je t´oublie.
En ce temps-là la vie était plus belle
et le soleil plus brûlant qu´aujourd´hui.
Tu étais ma plus douce amie ...
Mais je n´ai que faire des regrets
Et la chanson que tu chantais
toujours, toujours je l´entendrai!

C´est une chanson qui nous ressemble.
Toi tu m´aimais et je t´aimais.
Nous vivions tous les deux ensemble
toi qui m´aimais
moi qui t´aimais.
Mais la vie sépare
ceux qui s´aiment
tout doucement
sans faire de bruit.
Et la mer efface sur le sable
les pas des amants désunis.

****************

par Jacques Prévert,
source: Gedichte und Chansons, rororo Hamburg Juni 1971

Je trouve que c´est un des ses plus merveilleux poêmes... je l´adore, celui-là!

Feather light


Title: Feather light

Deine Zeiten

Meine liebe Natasa,
nun strahlst Du vor Glück,
auf gewundenen Wegen
fand es zu Dir zurück.

Als Spiegel der Männer
in geistreichen Stunden
hattest Du es gesucht
und doch nicht gefunden.

Du hast andere begleitet
als sie kurz darin glänzten
und es wieder verloren,
teiltest Tiefen und Ängste.

In Geduld und mit Verve
warst Du an ihrer Seite,
keine andere Freundin
die so Kostbares teilte.

Endlich kommt Deine Zeit
für Gefühl und Verstand,
in der Buchstabenwüste
hast du ihn erkannt,

den warmen Diamanten
der im Stein sich versteckte
darauf hoffend, dass ihn
Deine Liebe entdeckte,

und hast nicht gezögert

Deinen Mut zu beweisen,
Dich ins Schicksal zu werfen
um das Glück zu bereisen.

Alle Sonnen des Himmels
mögen jetzt auf Euch scheinen,
und ich wünsche Euch Kräfte
für das Lachen und Weinen,

Für das Tiefe und Schöne
das direkt vor Euch liegt
für alles, was bleibt,
und das, was vergeht.

Und du weißt, liebe Freundin,
zum Trösten und Scherzen
kannst Du mich stets rufen,
ich trag´ Dich im Herzen!

****************

8. Mai 2007

May 09, 2007

come with me to the `Sea of Love´


Gezeitenkräfte

Er lehrte sie das Schweigen,
das Schweigen im endlosen Raum,
übrig gebliebene Worte,
wanderten in ihren Traum.
Zu dichten Wolken versponnen,
drängten sie immerfort
die schöneren Tage vor Augen
von ihrem zu seinem Ort.

Er lehrte sie das Warten,
das Warten auf drehenden Wind,
sie wartete wie eine Tote,
sie wartete wie ein Kind,
auf diese Wunder und Zeichen,
die ihr sein Mut nicht bescherte,
auf neu gestellte Weichen,
die ihnen die Furcht verwehrte.

Er lehrte sich das Vergessen,
das Vergessen des eigenen Glücks.
Er verlernte sogar zu sprechen,
mit jedem Verschweigen ein Stück.
Es brachen des Adlers schwingen,
es verstummten die Lieder und Klänge.
Was verraten sie in seinen Träumen?
Wie entflieh´n sie der grausamen Enge?

Und sie? Sie lehrt sich Vergebung,
die Vergebung all´ ihrer Schwächen.
Ihre Handflächen dreht sie zum Meer,
sie schwankt, doch gleich wird sie lächeln,
denn Sand umhüllt ihren Körper,
und Meersalz kränzt ihre Haare,
hier werden sie alle vergolten,
die großen und kleineren Jahre.

*************

Alice McDuff ~ 8. Mai 2007

May 01, 2007

Farben

Es gab nur eine Farbe, das war grün,
zumindest sagte mir dies mein Gefühl,
bevor Du losließt meine warme Hand
und mich vertriebst aus Deinem weiten Land.

Es gab nur eine Farbe, und zwar rot,
Wir liebten uns auf diesem schiefen Boot
mit Blicken und vielleicht auch mit Gedanken,
mit nackten Füßen auf hölzernen Planken.

Es gab nur eine Farbe, es war weiß,
so glänzend wie der eng verschlungene Kreis,
den Du mir damals um den Hals gelegt,
zum Zeichen, dass dies alles nie vergeht.

Es gab nur eine Farbe, das war grau,
wie Eis im winterlichen Morgenrau,
als dieser Hauch von Hoffnung von mir wehte
und Schweigepflicht mich tausendfach zerlegte.

***********************

Alice McDuff ~ 1. Mai 2007

"Die Poesie heilt die Wunden, die der Verstand schlägt." (Novalis)