September 22, 2007

Liebeskreisel

Für kurze Zeit huschten Reflexe und Lichter
Durch Herzensland;
Für kurze Zeit reichten uns Musen und Dichter
Ihr Gönnerband.

Für Stunden nur traten verborgene Worte
Ans Tageslicht,
Und zeigten Wünsche aus vergessenem Orte
Ihr Angesicht.

Für einen Tag sang uns das Wellengestöber
Die Hoffnung vor,
Die frühe Sonne legte uns feine Köder
vor´s Seelentor.

Für sieben Monde trug die Bande des Herzens,
Bevor sie riss.
Sodann erwachten neue Quellen des Schmerzens
Für ungewiss.

Für lange Zeit werden uns fliehende Sterne
Die Nächte blenden,
Und lebend verschüttete Bilder der Ferne
Im Grab sich wenden.

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Alice McDuff ~ 21. September 2007

Inspiriert von Friederike Bruns Gedicht "Ich denke dein" (1795) sowie von J.W. von Goethes Gedicht "Nähe des Geliebten" (1796)

September 17, 2007

Autumn ~ fib



Photo: fib

Source: flickr.com

J.W. von Goethe: Warum gabst du uns...

Warum gabst du uns die tiefen Blicke,
Unsre Zukunft ahndungsvoll zu schaun,
Unsrer Liebe, unsrem Erdenglücke
Wähnend selig nimmer hinzutraun?
Warum gabst uns, Schicksal, die Gefühle,
Uns einander in das Herz zu sehn,
Um durch all´die seltenen Gewühle
Unser wahr Verhältnis auszuspähn?

Ach, so viele tausend Menschen kennen,
Dumpf sich treibend, kaum ihr eigen Herz,
Schweben zwecklos hin und her und rennen
Hoffnungsvoll in unversehnem Schmerz;
Jauchzen wieder, wenn der schnellen Freuden
Unerwart´te Morgenröte tagt.
Nur uns armen liebevollen beiden
ist das wechselseit´ge Glück versagt,
Uns zu lieben, ohn´uns zu verstehen,
In den andern sehn, was er nie war,
Immer frisch auf Traumglück auszugehen
Und zu schwanken auch in Traumgefahr.

Glücklich, den ein leerer Traum beschäftigt!
Glücklich, dem die Ahndung eitel wär´!
Jede Gegenwart und jeder Blick bekräftigt
Traum und Ahndung leider uns noch mehr.
Sag´, was will das Schicksal uns bereiten?
Sag´, wie band es uns so rein genau?
Ach, du warst in abgelebten Zeiten
Meine Schwester oder meine Frau;

Kanntest jeden Zug in meinem Wesen,
Spähest, wie die reinste Nerve klingt,
Konntest mich mit einem Blicke lesen,
Den so schwer ein sterblich Aug´durchdringt.
Tropftest Mäßigung dem heißen Blute,
Richtetest den wilden irren Lauf,
Und in deinen Engelsarmen ruhte
Die zerstörte Brust sich wieder auf;
Hieltest zauberleicht ihn angebunden
Und vergaukeltest ihm manchen Tag.
Welche Seligkeit glich jenen Wonnestunden,
Da er dankbar dir zu Füßen lag,
Fühlt´sein Herz an deinem Herzen schwellen,
Fühlte sich in deinem Auge gut,
Alle seine Sinnen sich erhellen
Und beruhigen sein brausend Blut.

Und von allem dem schwebt ein Erinnern
Nur noch um das ungewisse Herz,
Fühlt die alte Wahrheit ewig gleich im Innern,
Und der neue Zustand wird ihm Schmerz.
Und wir scheinen uns nur halb beseelet,
Dämmernd ist um uns der hellste Tag.
Glücklich, daß das Schicksal, das uns quälet,
Uns doch nicht verändern mag.

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Johann Wolfgang von Goethe, aus der Sammlung der "Verse an Lida", am 14.4.1776 an Frau v. Stein gesandt; zwischen den Briefen überliefert; nur diese eine Handschrift. Erster Druck: Schöll 1848.

Nun ja, jetzt bin ich schlußendlich doch bei Goethe gelandet:-) Ich hatte mich ja redlich bemüht, ihn zu umschiffen, da ich schon ahnte, dass er eine ziemliche Sogkraft auf mich ausüben würde, und seine Lektüre mich womöglich entmutigen würde, selbst jemals wieder eine Zeile zu schreiben, um stattdessen die nächsten zwanzig Jahre auf sein Studium zu verwenden... Doch das Gegenteil ist der Fall! Es ist, als hätte ich ein Tor zu einer ganz eigenen Zauberwelt aufgeschlagen, die mir hilft, mich dichterisch zu positionieren und meinen Eingebungen zu vertrauen. Auch Goethe hat geübt, gelernt und sich selbst in seinen Texten verarbeitet. Dabei sind ihm Lyrik und Prosa von unvergleichlicher, universeller Kraft gelungen. Sein Leben war alles andere als perfekt, aber seine Werke waren eine beeindruckende Vielfalt von Perfektion!

Die oben stehenden Verse von Goethe an Lida gehören zu den schönsten Liebesworten, die ich seit langem gelesen habe - abgesehen von denen Rainer Maria Rilkes an Lou Salomé aus den "Buch von der Pilgerschaft" (siehe weiter unten) vielleicht.

x Alice

Nähe des Geliebten ~ J.W. von Goethe

Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer
Vom Meere strahlt;
Ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer
In Quellen malt.
Ich sehe dich, wenn auf dem fernen Wege
Der Staub sich hebt;
In tiefer Nacht, wenn auf dem schmalen Stege
Der Wandrer bebt.
Ich höre dich, wenn dort mit dumpfen Rauschen
Die Welle steigt.
Im stillen Haine geh´ich oft zu lauschen,
Wenn alles schweigt.

Ich bin bei dir, du seist auch noch so ferne,
Du bist mir nah!
Die Sonne sinkt, bald leuchten mir die Sterne.
O wärst du da!

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Johann Wolfgang von Goethe (1795)
Interessant ist, dass Goethe zuvor im April 1795 ein Lied der damals beliebten Dichterin Friederike Brun "Ich denke dein" in Zelters Vertonung gehört hatte, welch letztere ihm tiefen Eindruck machte. Ihm schienen der Einsatz "Ich denke dein", das Thema und der Wechsel langer und kurzer Verse voll reicher Möglichkeiten, diese aber von der sentimental-schwächlichen Dichterin nicht ausgenutzt. Diese Anregung wurde in ihm produkiv und ergab sein eigenes Lied zu Zelters Singweise (Goethe an Helene Friederike Unger 13. Juni 1976. HA briefe 2, S. 223, 19ff.). 1799 von Beethoven vertont; eins der am meisten komponierten Gedichte Goethes. Das Gedicht von Friederike Brun, im Vossischen Musenalmanach für 1795, lautete:


Ich denke dein

Ich denke dein, wenn sich im Blütenregen
Der Frühling malt
Und wenn des Sommers mildgereifter Segen
In Ähren strahlt.

Ich denke dein, wenn sich das Weltmeer tönend
Gen Himmel hebt
Und vor der Wogen Wut das Ufer stöhnend
Zurücke bebt.

Ich denke dein, wenn sich der Abend rötend
Im Hain verliert
Und Philomenes Klage leise flötend
Die Seele rührt.

Beim trüben Lampenschein in bittren Leiden
Gedacht´ich dein;
Die bange Seele flehte nah dem Scheiden:
Gedenke mein!

Ich denke dein, bis wehende Zypressen
Mein Grab umziehn;
Und auch in Tempes Hain soll unvergessen
Dein Name blühn.

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Friederike Brun ~ 1795

Nun, welches ist *das bessere Gedicht*? Hätte es damals wohl schon ein Urheberrecht in der heutigen Form gegeben, wäre Goethes Gedicht möglicherweise nie publiziert worden... Wie auch immer, vielleicht sehen wir hier einfach eine weibliche und eine männliche Sichtweise des Themas?
Ich habe mich auch daran versucht, allerdings mit einem etwas anderen Blickwinkel:-) Wen´s interessiert, der lese oben weiter!

x Alice