October 17, 2008

Auf dem Herbstfriedhof

Inspiriert vom Leben der Marianne Wirtz,
*1876 +1956

4. Entwurf




Ich wandele manchmal bei den Toten,
oder zumindest dort, wo Ihre Gräber steh´n.
Ich lese in den Zahlen ihres Lebens
und suche diesen hin und wieder einen neuen Sinn.

Denn wie blickt eine Frau nach achtzig Jahren,
mit Glück auf ihre Lebenszeit zurück,
nachdem sie, ohne Hilfe oder Trost,
den Mann, das Kind und den Soldatensohn begrub?

Und doch: Viellecht hat Sie mit ihrer Mutterbrust,
oder vielleicht mit ihren bloßen Händen,
ihr Baby vor der Hungerkälte abgeschirmt?
Gekämpft und hat gerufen: Bleibe bei mir, kleines Kind?

Hat sie in Vaterlandes Morgengrauen
die Listen der für´s Reich Gefallenen studiert?
Der hoffnungsjungen Söhne dieser Zeit,
die für drei Meter Erdenmatsch ihr Leben ließen?

Oder hat sie im Glauben an des Himmels Schutz
darauf gehofft, dass weder Mann noch Kinder
sich unter namenlosen Steine legen müssten?
Hat sie geglaubt, dies alles hätte einen Sinn?

Und wie hat diese Frau noch vierzig Male
nach Winterkälte Krokusblüten ausgehalten?
Hat sie gewagt, den Sommerabend einzuatmen,
oder im Herbst im Blätterwind zu tanzen?

Ich suche in den Augen meiner Kinder,
sie strahlen Liebe, Glaube, Hoffnung aus.
Sie tobend lachend zwischen Steingemäuern
und laufen glücklich und erschöpft nach Hause.

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Alice McDuff ~ 19. Oktober 2008

Source of all photos: flickr.com
(name of photographers will be added soon)