October 29, 2010

So Far Away

Alice liest aus "Die Liebe am Nachmittag" von Ernó Szép

5. Nacht

Also dann komm jetzt, kleine Iboly.
Dass mich das Mädchen am Theater aufhielt, das geschah etwa anderthalb Jahre, nachdem ich angefangen hatte, die Dame [=seine derzeitige Geliebte, Anm. der Vorleserin] kennenzulernen.
Drei Tage später rief mich diese Iboly an.
Immer wenn das Telefon klingelt, fahre ich zusammen.
Ich hatte gearbeitet. Ekelhaft, wenn man so aufgeschreckt wird. Wer spricht? Ich erkannte die zaghafte Frauenstimme nicht.
"Iboly."
Iboly. Was für eine Iboly? Den Namen hatte ich nicht parat.
Ja, ja, im Theater. Bitte.
"Sind Sie mir böse?"
Ach woher, meine Liebe. Aber Sagen Sie, worum es geht.
Sie begann damit, dass sie schon gestern bei mir angerufen habe, leider erst nach eins, als die Schule aus war; von der Schule aus mag sie nicht telefonieren, man kann da nicht reden, die Mädchen hören alles mit. Ich war nicht zu Hause.
Gestern Mittag musste ich bei einer Zeitungsredaktion vorstellig werden, weil mir das Geld ausgegangen war.
Ich versprach, ihr die 20 Heller zu ersetzen, die sie gestern umsonst hinaus- beziehungsweise eingeworfen hat.
Sie lachte neckisch, ach, das ist doch nicht Ihr Ernst.
Also dann, was hatte sie denn auf dem Herzen.
Das möchte sie mir gern persönlich sagen. Schon seit Längerem wollte sie mit mir sprechen.
Ich spüre, wie heftig sie atmet, zwischen ihren kurzen Sätzen stockt sie. Am Ende hüstelt sie ein wenig, war wohl ziemlich aufgeregt.
Wieviele Sekunden dauert es, bis man ein solches Mädchen taxiert hat und dann entscheidet, ob man etwas davon begehrt oder nicht? Ist dieses Mädchen hübsch? Ich kann mich jetzt nur an etwas Blondes und jugendlich Ungestümes erinnern. Von ihren Augen weiß ich gar nicht, ob sie blau oder braun sind. Mit den Beinen gibt es, soweit ich mich erinnere, kein Problem.
Vielleicht ist mir das Wort schneller entschlüpft, als ich es ihm gestatten wollte.
Also gut, gern. Heute Nachmittag, wenn sie aus der Schule kommt, falls sie auch nichts Besseres vorhat.
Nein, da hat sie nie etwas vor. Sie hätte sich´s auch so gedacht. Um sechs ist die Schule aus, sagen wir um achtzehn Uhr zehn. Wo ich warten wollte, sie würde da sein. Freue sich schon so!
Die Schauspielschule liegt am Anfang des Leopoldrings. Am besten träfen wir uns an der Margeretenbrücke bei der Haltestelle der 16er.
Ich kann unmöglich an der Schule vor den Augen aller auf ein Mädchen warten.
Als ich den Hörer auflege, starrte ich eine Minute lang den stummen Apparat an. Lauschte in mich hinein, ob mein Herz etwa so vernehmlich schlug wie der Gong vor einer Feierstunde. Ob mein Gesicht heißer geworden war? Und die Augen auffälliger strahlten? Doch ich spürte nichts dergleichen. Weiß nicht, ob ich etwas merkte. Denn irgendetwas musste ich doch fühlen? Was wollte dieses Mädchen? Täuschte ich mich, wenn ich annahm, es ginge um Protektion bei irgendeinem Theater oder Kabarett? Im letzten Jahr beispielsweise, da schrieb mir ein kleines krankes Girl, das ich nie gesehen hatte, und bat um zehn Pengó. Und ich, was will ich von diesem Mädchen? Bin ich denn neugierig auf so eine Dutzend-Iboly? Hat mich irgendetwas an dem Mädchen beührt? Warum habe ich mich nach ihr umgedreht, ihr nachgeschaut, wo ich doch den Kopf voller Sorgen hatte? Möglicherweise nur, weil dieses Gesicht zufällig in meiner Erinnerung aufgetaucht ist und mein Blick sie ganz unwillkürlich traf; und hätte ich dieses Mädchen nicht sogleich wieder vergessen, wenn ich nicht von ihr angesprochen worden wäre? Welches Novum habe ich von dieser Schauspielschülerin zu erwarten, was für eine neue Stimme, einen wie merkwürdigen Geschmack auf der Zunge, in welche Träume kann sie mich versenken, mir welche Sterne vom Himmel holen? Ein eiliger Seufzer, lass uns weitermachen. Wo waren wir doch gerade?



Aus: "Die Liebe am Nachmittag" von Ernó Szép 
(1884-1953 / Foto rechts)