May 13, 2007

Mascha Kaléko ~ Die paar leuchtenden Jahre























Bericht aus einer Kindheit

Weil er die Geige spielte wie ein Engel,
Vorausgesetzt, dass Engel Geige spielen,
Gehörte ihm mein halb erwachtes Herz
Mit seinen höchst verwirrenden Gefühlen,

Vom Reich der Kindheit offiziell verbannt,
Das Tor zur Welt der Großen noch versperrt,
So schwebte ich in meinem Niemandsland
Und lebte für ein Violinkonzert.

Da saß ich denn in der Philharmonie
Und schämte mich der dummen fünfzehn Jahre.
Das Schottenröckchen reichte kaum ans Knie,
Und auf dem Podium stand der Wunderbare

Und musizierte sich stracks in mein Leben,
Trug seinen Namen in mein Schicksal ein.
Mama in schwarzem Taft saß dicht daneben
Und ahnte nichts. Und ich war so allein.

So einsam war die Welt in jenem Herbst.
Die Ahornbäume sandten ihren herben
Oktoberduft zum Abschied in den Park.
Ich lernte damals unauffällig sterben.

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Ich schreib Dir einen Liebesbrief



Du gefällst mir so gut,
Doch ich hab nicht den Mut,
Dir das leiseste Wörtchen zu sagen.
Ich werd schüchtern und rot

Und ich stottre mich tot,
Darum muß ich´s per Post einmal wagen:

Ich schreib Dir einen Liebesbrief seit heute früh um acht,
Ich hab die ganze Nacht
An nichts als Dich gedacht.
Ich schrieb Dir gern drei Worte nur:
"Ich lieb Dich" - kurz und schlicht,
Dich leider, leider, traue ich mich nicht!
Drum schreib ich Dir von Dingen und von Leuten,
Die mir im Grunde keinen Deut bedeuten.
Was immer auch geschrieben steht auf diesem Stück Papier -
Es heißt nur eins: Ich sehne mich nach Dir!

Ich war häßlich zu Dir,
Du warst gräßlich zu mir,
Doch da hilft nun kein Jammern und Stöhnen,
Überall gibt´s mal Krach,
Doch der Klügere gibt nach,
Und wir wollen uns wieder versöhnen:

Ich schreib Dir einen Liebesbrief seit heute früh um acht,
Ich hab die ganze Nacht
An nichts als Dich gedacht.
Ich schrieb Dir gern drei Worte nur:
"Ich lieb Dich" - kurz und schlicht,
Doch leider, leider, traue ich mich nicht!
Drum schreib ich Dir von Dingen und von Leuten,
Die mir im Grunde keinen Deut bedeuten.
Was immer auch geschrieben steht auf diesem Stück Papier -
Es heißt nur eins: Ich sehne mich nach Dir!

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Für Chemjo zu Pessach 1944

Wir haben das Schweben verlernt,
Weh uns, wir kleben am Weg.
Vom Leuchten der Sterne entfernt,
Die Flügel gesenkt und träg,
So trotten die Füße ergeben.
Ach, Liebster, bevor es zu spät,
Versuchen wir´s, uns zu erheben.

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Morgenländisches Liebeslied

Drei Tropfen Herzblut weinte ich um Dich.
Von ihrer Röte tranken alle Rosen.
Siehst Du den Wind ein Rosenblatt liebkosen,
Rot wie mein Blut: Denke Du an mich.

Ich war das Kind, dem alle Wolken sangen,
Sie wiegten sich in meinem jungen Traum.
Mein waren Stern und See und lichter Baum
In Waldesfrühe schlank und taubehangen.

Nachts bot der Mond mir seinen Silberball,
Die Blumen baten: Nimm von unseren Düften.
Mir wob der Frühling Träume aus Kristall
Und hängte mir sein Blühen um die Hüften.

- Das alles warf ich fort, wie Kinder tun
Mit ihren müdgespielten Kieselsteinen,
Um einen Pulsschlag in Dir auszuruh´n
Und dann mein letztes Herzblut zu verweinen.

1938

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Sprichwörter und Redensunarten....

12

Eines läßt sich nicht bestreiten:
Jede Sache hat zwei Seiten.
- Die der andern, das ist eine,
Und die richtige Seite: Deine.

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Das Ende vom Lied

Ich säh Dich gern noch einmal wie vor Jahren
Zum erstenmal. Jetzt kann ich es nicht mehr.
Ich säh Dich gern noch einmal wie vorher,
Als wir uns herrlich fremd und sonst nichts waren.

Ich hört Dich gern noch einmal wieder fragen,
Wie jung ich sei, was ich des Abends tu.
Und später dann im kaum gebornen Du
Mir jene tausend Worte Liebe sagen.

Ich würde mich so gerne wieder sehnen,
Dich lange ansehn stumm und so verliebt.
Und wieder weinen, wenn Du mich betrübt,
Die viel zu oft geweinten dummen Tränen.

Das alles ist vorbei. Es ist zum Lachen!
Bist Du ein andrer, oder liegt´s an mir?
Vielleicht kann keiner von uns zwein dafür.
Man glaubt oft nicht, was ein paar Jahre machen.

Ich möchte wieder Deine Briefe lesen,
Die Worte, die man liebend nur versteht.
Jedoch mir scheint, heut ist es schon zu spät.
Wie unbarmherzig ist das Wort: Gewesen!

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Die Zeit steht still

Die Zeit steht still. Wir sind es, die vergehen.
Und doch, wenn wir im Zug vorüberwehen,
Scheint Haus und Feld und Herden, die das grasen,
Wie ein Phantom an uns vorbeizurasen.
Da winkt uns wer und schwindet wie im Traum,
Mit Haus und Feld, Laternenpfahl und Baum.

So weht wohl auch die Landschaft unseres Lebens
An uns vorbei zu einem andren Stern
Und ist im Nahekommen uns schon fern.
Sie anzuhalten suchen wir vergebens
Und wissen wohl, dies alles ist nur Trug.

Die Landschaft bleibt, indessen unser Zug
Zurücklegt die ihm zugemeßnen Meilen.

Die Zeit steht still. Wir sind es, die enteilen.

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Ich und Du wir waren ein Paar
Jeder ein seliger Singular
Liebten einander als Ich und als Du
Jeglicher Morgen ein Rendezvous
Ich und Du wir waren ein Paar
Glaubt man es wohl an die vierzig Jahr
Liebten einander in Wohl und Wehe
Führten die einzig mögliche Ehe
Waren so selig wie Wolke und Wind
Weil zwei Singulare kein Plural sind

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Alle Gedichte von Mascha Kaléka, aus: Die paar leuchtenden Jahre, dtv 5. Auflage August 2006

Mascha Kaléko (gebürtig Golda Malka Aufen, * 7. Juni 1907 in Krenau oder Schidlow (Chrzanów), Galizien (Österreich-Ungarn, jetzt Polen); † 21. Januar 1975 in Zürich) war eine deutschsprachige bzw. deutsche, eigentlich österreichische Dichterin.


Mehr von und über Mascha Kaléko:
http://dispatch.opac.d-nb.de/DB=4.1/REL?PPN=118776592
http://de.wikipedia.org/wiki/Mascha_Kaléko

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