September 17, 2007

J.W. von Goethe: Warum gabst du uns...

Warum gabst du uns die tiefen Blicke,
Unsre Zukunft ahndungsvoll zu schaun,
Unsrer Liebe, unsrem Erdenglücke
Wähnend selig nimmer hinzutraun?
Warum gabst uns, Schicksal, die Gefühle,
Uns einander in das Herz zu sehn,
Um durch all´die seltenen Gewühle
Unser wahr Verhältnis auszuspähn?

Ach, so viele tausend Menschen kennen,
Dumpf sich treibend, kaum ihr eigen Herz,
Schweben zwecklos hin und her und rennen
Hoffnungsvoll in unversehnem Schmerz;
Jauchzen wieder, wenn der schnellen Freuden
Unerwart´te Morgenröte tagt.
Nur uns armen liebevollen beiden
ist das wechselseit´ge Glück versagt,
Uns zu lieben, ohn´uns zu verstehen,
In den andern sehn, was er nie war,
Immer frisch auf Traumglück auszugehen
Und zu schwanken auch in Traumgefahr.

Glücklich, den ein leerer Traum beschäftigt!
Glücklich, dem die Ahndung eitel wär´!
Jede Gegenwart und jeder Blick bekräftigt
Traum und Ahndung leider uns noch mehr.
Sag´, was will das Schicksal uns bereiten?
Sag´, wie band es uns so rein genau?
Ach, du warst in abgelebten Zeiten
Meine Schwester oder meine Frau;

Kanntest jeden Zug in meinem Wesen,
Spähest, wie die reinste Nerve klingt,
Konntest mich mit einem Blicke lesen,
Den so schwer ein sterblich Aug´durchdringt.
Tropftest Mäßigung dem heißen Blute,
Richtetest den wilden irren Lauf,
Und in deinen Engelsarmen ruhte
Die zerstörte Brust sich wieder auf;
Hieltest zauberleicht ihn angebunden
Und vergaukeltest ihm manchen Tag.
Welche Seligkeit glich jenen Wonnestunden,
Da er dankbar dir zu Füßen lag,
Fühlt´sein Herz an deinem Herzen schwellen,
Fühlte sich in deinem Auge gut,
Alle seine Sinnen sich erhellen
Und beruhigen sein brausend Blut.

Und von allem dem schwebt ein Erinnern
Nur noch um das ungewisse Herz,
Fühlt die alte Wahrheit ewig gleich im Innern,
Und der neue Zustand wird ihm Schmerz.
Und wir scheinen uns nur halb beseelet,
Dämmernd ist um uns der hellste Tag.
Glücklich, daß das Schicksal, das uns quälet,
Uns doch nicht verändern mag.

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Johann Wolfgang von Goethe, aus der Sammlung der "Verse an Lida", am 14.4.1776 an Frau v. Stein gesandt; zwischen den Briefen überliefert; nur diese eine Handschrift. Erster Druck: Schöll 1848.

Nun ja, jetzt bin ich schlußendlich doch bei Goethe gelandet:-) Ich hatte mich ja redlich bemüht, ihn zu umschiffen, da ich schon ahnte, dass er eine ziemliche Sogkraft auf mich ausüben würde, und seine Lektüre mich womöglich entmutigen würde, selbst jemals wieder eine Zeile zu schreiben, um stattdessen die nächsten zwanzig Jahre auf sein Studium zu verwenden... Doch das Gegenteil ist der Fall! Es ist, als hätte ich ein Tor zu einer ganz eigenen Zauberwelt aufgeschlagen, die mir hilft, mich dichterisch zu positionieren und meinen Eingebungen zu vertrauen. Auch Goethe hat geübt, gelernt und sich selbst in seinen Texten verarbeitet. Dabei sind ihm Lyrik und Prosa von unvergleichlicher, universeller Kraft gelungen. Sein Leben war alles andere als perfekt, aber seine Werke waren eine beeindruckende Vielfalt von Perfektion!

Die oben stehenden Verse von Goethe an Lida gehören zu den schönsten Liebesworten, die ich seit langem gelesen habe - abgesehen von denen Rainer Maria Rilkes an Lou Salomé aus den "Buch von der Pilgerschaft" (siehe weiter unten) vielleicht.

x Alice

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