September 17, 2007

Nähe des Geliebten ~ J.W. von Goethe

Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer
Vom Meere strahlt;
Ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer
In Quellen malt.
Ich sehe dich, wenn auf dem fernen Wege
Der Staub sich hebt;
In tiefer Nacht, wenn auf dem schmalen Stege
Der Wandrer bebt.
Ich höre dich, wenn dort mit dumpfen Rauschen
Die Welle steigt.
Im stillen Haine geh´ich oft zu lauschen,
Wenn alles schweigt.

Ich bin bei dir, du seist auch noch so ferne,
Du bist mir nah!
Die Sonne sinkt, bald leuchten mir die Sterne.
O wärst du da!

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Johann Wolfgang von Goethe (1795)
Interessant ist, dass Goethe zuvor im April 1795 ein Lied der damals beliebten Dichterin Friederike Brun "Ich denke dein" in Zelters Vertonung gehört hatte, welch letztere ihm tiefen Eindruck machte. Ihm schienen der Einsatz "Ich denke dein", das Thema und der Wechsel langer und kurzer Verse voll reicher Möglichkeiten, diese aber von der sentimental-schwächlichen Dichterin nicht ausgenutzt. Diese Anregung wurde in ihm produkiv und ergab sein eigenes Lied zu Zelters Singweise (Goethe an Helene Friederike Unger 13. Juni 1976. HA briefe 2, S. 223, 19ff.). 1799 von Beethoven vertont; eins der am meisten komponierten Gedichte Goethes. Das Gedicht von Friederike Brun, im Vossischen Musenalmanach für 1795, lautete:


Ich denke dein

Ich denke dein, wenn sich im Blütenregen
Der Frühling malt
Und wenn des Sommers mildgereifter Segen
In Ähren strahlt.

Ich denke dein, wenn sich das Weltmeer tönend
Gen Himmel hebt
Und vor der Wogen Wut das Ufer stöhnend
Zurücke bebt.

Ich denke dein, wenn sich der Abend rötend
Im Hain verliert
Und Philomenes Klage leise flötend
Die Seele rührt.

Beim trüben Lampenschein in bittren Leiden
Gedacht´ich dein;
Die bange Seele flehte nah dem Scheiden:
Gedenke mein!

Ich denke dein, bis wehende Zypressen
Mein Grab umziehn;
Und auch in Tempes Hain soll unvergessen
Dein Name blühn.

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Friederike Brun ~ 1795

Nun, welches ist *das bessere Gedicht*? Hätte es damals wohl schon ein Urheberrecht in der heutigen Form gegeben, wäre Goethes Gedicht möglicherweise nie publiziert worden... Wie auch immer, vielleicht sehen wir hier einfach eine weibliche und eine männliche Sichtweise des Themas?
Ich habe mich auch daran versucht, allerdings mit einem etwas anderen Blickwinkel:-) Wen´s interessiert, der lese oben weiter!

x Alice

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